weitere Therapieansätze gesucht?

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30 Juni 2007 11:04 #944 von ententigger
weitere Therapieansätze gesucht? wurde erstellt von ententigger
Habe eine Dame, die demnächst 60 wird und unter fortgeschrittener Demenz leidet. Sie kann Gegenstände nicht mehr erkennen, hat auch keine Vorstellungen zum eigenen Körper, wo ist oben, unten, wo ist das Bein etc. Die Dame braucht Hilfe beim Hinsetzen auf einen Stuhl, weil sie den Stuhl nicht mehr erkennt und sich ggfs. daneben setzen würde. Lesen und schreiben, sowie malen ist nicht mehr möglich. Sie singt leidenschaftlich gern, auch noch aktiv im Chor. In der Ergotherapie kann sie sofern sie die Lieder auswendig kann durch die Musik gut erreicht werden. In der Sitzgymnastik bewegt sie sich zwar, kann aber die vorgemachten Übungen nicht mehr umsetzen. Sie ist sehr auf das Hören fixiert, regiert auf das Gesagte am Tisch nebenan und nimmt dazu Stellung. Wortfindungsstörungen sind auch zu beobachten. Seit einiger Zeit fängt sie an sich immer auf dem rechten Oberschenkel zu reiben. Für mich deutet, dass auf fehlende Körperinformationen hin, ich denke sie muss sich spüren. Basale Stimulation nimmt sie an! Was kann ich aber noch anderes anbieten, würde gern über verschiedene Sinne arbeiten, sie kann aber auch Gegenstände nicht gezielt greifen bzw. wenn man sie führt ertasten. Bei Gerüchen sagt sie immer nur mmhh, kann aber auch dort nicht mehr differenzieren. Das gleiche gilt für den Geschmack. Wer hat noch Ideen? Freue mich über jede Antwort.

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30 Juni 2007 12:01 #946 von Anonymous
Anonymous antwortete auf weitere Therapieansätze gesucht?
Hallo Ententigger!

Ich fasse mal zusammen:

Probleme: 
- Agnosie
- Desorientiertheit zum eigenen Körper und dadurch auch Probleme in der
  Bewegungsplanung
- Erkennt Gefahren nicht
- Alexie
- Wortfindungsstörungen
- Autostimulation


Ressourcen:
- Singen
- Hat Freude an Bewegung
- Nimmt Geräusche um sich herum wahr und reagiert darauf
- Nimmt Basale Stimulation an

All das weist schon  auf eine stark fortgeschrittene Demenz hin, denn die Orientierung zum eigenen Körper geht ja als letztes verloren, sensorische (sowie auch soziale und kognitive) Deprivation droht.

Mit der Basalen Stimulation bist du schon auf dem richtigen Weg, nur darfst du hier nicht im Sinne eines Wahrnehmungstraining erwarten, dass sie die Reize voneinander differenzieren kann.

Es geht vielmehr darum, gezielte und biografieorientierte Reize zu setzen um ihr somit eine Möglichkeit zu bieten mit der Außenwelt in Kontakt zu treten und sich selbst wieder zu spüren.
Ihre Autostimulation ist bereits ein Hilfeschrei und als Zeichen zu deuten, dass ihr was fehlt.
Wenn du also Reize setzt, begleite diese verbal indem du ihr etwas dazu erzählst anstatt zu erwarten dass sie die Reize erkennt. Also zum Beispiel so: „Riechen Sie mal! Das riecht nach Rosen! Vielleicht hatten Sie auch Rosen in Ihrem Garten?“ und so weiter. Du kannst also deine eigenen Assoziationen, die du zum jeweiligen Medium hast, ihr mitteilen anstatt es von ihr zu erwarten.
Bei der Basalen Stimulation bekommt man oft wenig Feedback von den Bewohnern auf die gesetzten Reize, Reaktionen sind oft nur ganz dezent und man muss schon genau hinsehen und natürlich den Bewohner in seinen Reaktionen kennen um diese wahrzunehmen. Zum Beispiel kann die Atmung gleichmäßiger werden oder der Bewohner entspannt sich und wird ruhiger.
Du kannst also in der Basalen Stimulation alle Sinnesbereiche mit einbeziehen, wobei aber die Biografie mit Vorlieben und Abneigungen berücksichtigt werden sollte: Lieblingsdüfte, Lieblingsspeisen, bevorzugte Schlafposition usw.

Ideen zur basalen Stimulation findest du im Internet reichlich, hier  noch ein paar Anregungen:

Taktil:
- im Sommer barfuss über den Rasen, über Sand und weitere verschiedene
  Gehbeläge (auf Verletzungsgefahren achten!)
- bei einem Spaziergang Bäume, Sträucher, Früchte be“greifen“ lassen
- Alltagsgegenstände die ihr vertraut sind in die Hand geben
- Kuchenteig kneten (auch gustatorisch und olfaktorisch!)

Vestibulär:
- im Schaukelstuhl sitzen
- Tanzen!
- Gehtraining („Storchengang“) +  Treppensteigen

Propriozeptiv:
- Massagegerät einsetzen
- lautes Singen und musizieren (z.B. trommeln)
- Bewegungsübungen (z.B. mit einem Luftballon)
- Automatisierte Bewegungsmuster abrufen um die Bewegungsplanung zu
  erleichtern:
    „Wir kneten einen Kuchenteig“
    „Wir rollen Klöße!“
    „Wir winken zum Abschied!“
    u.s.w.

Wenn du erst einmal mit Basaler Stimulation angefangen hast, findest du sicher weitere Möglichkeiten.

Wichtig sind hier die Angehörigen, weil sie uns zur Biografie wichtige Informationen geben können, die der Betroffene selbst nicht mehr nennen kann, zum Beispiel was Abneigungen und Vorlieben angeht, mit welchen Materialien hatte der Betroffe beruflich zu tun usw.
Vielleicht kannst du gemeinsam mit den Angehörigen eine "Erinnerungskiste" anlegen?

Liebe Grüße,
Cassio

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30 Juni 2007 16:15 #948 von ententigger
ententigger antwortete auf weitere Therapieansätze gesucht?
Vielen Dank Cassio für deine ausführliche Antwort.
Die Dame ist in einer Tagespflege untergebracht, nutzt die Gruppenangebote mit anderen Teilnehmern zusammen. Diese sind zwar z.B. auch demenzerkrankt, aber was die Defizite angeht noch lange nicht so stark betroffen. Wie kann ich sie in der Gruppe, während ich Sitzgymnastik anbiete, besonders fördern? Wenn zuviel Aufmerksamkeit auf diese Dame gelenkt wird, kommen leider blöde Kommentare von noch etwas fitteren "Wieso kann sie das nicht?" oder "Oh, guck mal die". Das möchte ich auch nicht, deshalb lasse ich sie bisher einfach so mitmachen wie sie es versteht und korrigiere selbstverständlich nicht. Da ich die einzige Ergo bin, muss ich alle ca.10-12 Teilnehmer auf einmal betreuen, kann die Gruppe leider nicht splitten. Vielleicht hast du auch Ideen wie ich ihr etwas sinnvolles anbieten kann, während andere ein schriftliches Quiz machen oder etwas Handwerkliches. All dies kann sie ja nicht mehr ausführen, möchte aber alle anderen auch nicht unterfordern.
LG

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02 Juli 2007 17:38 #959 von Anonymous
Anonymous antwortete auf weitere Therapieansätze gesucht?
Hallo ententigger!

In der Tat ist das eine schwierige Situation!
Einerseits heisst es immer, man soll sich bei einer Gruppenaktivität und insbesondere bei der Gymnastik am schwächsten orientieren, unterfordert damit aber u.U. all die anderen Teilnehmer was schnell zu Frust und den von dir beschriebenen "blöden" Kommentaren führt.
In der stationären Dementenbetreuung hat man mit Glück die Möglichkeit, die Teilnehmer zu einer homogenen Gruppe zusammenzustellen.
In der Tagespflege geht das nicht und somit kann man es eben nicht allen recht machen.
Hier handhabe ich es im prinzip wie du, denn ich muss mich am Großteil der Gruppe orientieren. Es kann schließlich nicht sein, dass 8 Teilnehmer frustriert werden, nur damit ich einer Teilnehmerin gerecht werden kann!
Und oftmals ist dabeisein eben alles.
Wichtig ist doch, dass sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten bewegt und somit eine Stärkung des Selbstwertgefühl erfährt auch wenn die eigentliche Aufgabenstelung vielleicht ganz andes war anstatt alle Bewegungen "richtig" zu machen.
Je weiter fortgeschritten die Demenz ist, umso mehr integriere ich Übungen bzw. setze entsprechende Medien ein, bei denen man automatisierte Bewegungsabläufe oder Impulshandlungen abrufen kann.
Wenn beispielsweise ein Luftballon angeflogen kommt, ist jeder sogleich bestrebt, ihn zurückzuschlagen und hebt dabei ohne nachzudenken die Arme in die Höhe. Da brauch ich gar nicht erklären "Heben Sie die Arme in die Höhe"...das geht ganz automatisch.
Oder wenn der Ballon zu Boden fällt, sind die Teilnehmer bestrebt, ihn aufzuheben, beugen sich also nach unten. Ein Luftballon hat einfach Aufforderungscharakter!
Wenn ich dann noch kognitive Elemente mit reinbringe indem ich beispielsweise Assoziationen zur Farbe des Ballons mit Singen ensprechender Lieder oder Assoziationen zum Material anrege, habe ich den Bewohner auf spielerische Weise ganzheitlich aktiviert und Spaß macht es ihm auch noch!

Liebe Grüße,
Cassio

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02 Juli 2007 20:34 #964 von ententigger
ententigger antwortete auf weitere Therapieansätze gesucht?
Hallo Cassio,
vielen Dank für deine ausführliche Antwort.
Von deinen anderen Anregungen werde ich auch mal etwas ausprobieren. Mir ist die Idee gekommen, eine Schaukel für ältere Menschen wäre vielleicht auch was Interessantes! Müsste natürlich eine sichere Sitzschale sein, habe sowas bisher nur für Kinder mit Behinderungen gesehen. Na ja, das nur nebenbei.
Ansonsten hast du mich mit deiner Antwort auch beruhigt, manchmal bekommt man eben ein schlechtes Gewissen, wenn jemand durch das "Raster" fällt und für ihn eigentlich eine Einzelbetreuung besser wäre.
LG ententigger

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