Hallo Julie81!
Um eines vorweg zu sagen: nicht das Backen selbst ist das Ziel, sondern das Backen ist nur Mittel zum Zweck, mit dem sich viele andere Ziele erreichen lassen, z.B.:
• Sich einer Aufgabenstellung zuwenden können (körperlich und geistig
aktiver werden)
• Sich vom Heimalltag und Krankheitsgeschehen ablenken können
• Inhalte des Langzeitgedächtnisses abrufen (Was wird an Zutaten für
diesen Kuchen benötigt? Wann wurde früher gebacken? Wo kommt das
Mehl her ?...)
• Handlungen strukturiert planen und durchführen (Womit beginne ich? Wie
geht es weiter? etc.)
• Selbstwertgefühl verbessern
• Soziale Kontakte zu anderen Bewohnern herstellen
• Erhalt der Beweglichkeit durch das Rühren und Kneten des Teiges
• Schulung der Sinneswahrnehmung (durch die Zutaten)
• Gespräche anregen (Wie oft hat man früher Kuchen gebacken? Zu
welchen Anlässen? Usw.)
Ich kann mir unter "Selterswasserkuchen" nicht viel vorstellen, kann dir aber soviel sagen, dass man möglichst Kuchen backen sollte, die die Teilnehmer von früher her kennen, da sonst die Teilnehmer kaum auf ihren Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Geeignet wären da beispielsweise einfache Rührkuchen mit und ohne Obst, mit denen sie Langzeitgedächtnis-
inhalte und automatisierte Bewegungsabläufe reaktivieren können.
Wie viel Zeit du veranschlagen musst hängt davon ab, ob du allein bist oder Unterstützung hast, wie viele Bewohner mithelfen, ob Wartezeiten überbrückt werden müssen (z.B. Kochen des Tortengusses) und ob die Teilnehmer in die Vor- und Nachbereitung mit einbezogen werden.
Nur um einen Vergleich zu haben: Für das Backen während einer Sichtstunde- die in unserer Einrichtung 45 Minuten dauert – ist die Zeit viel zu knapp, eher benötigt man die doppelte bis sogar dreifache Zeit, da die Teilnehmer ja so viel wie möglich selbst machen sollen.
Damit das ganze auch „ergotherapeutischen Charakter“ hat, gehören Wahrnehmungsübungen, einfache Gedächtnistrainingsübungen und Biografisches Arbeiten mit dazu.
Wichtig in der Vorüberlegung:
Termin festlegen
in den Vormittagsstunden befinden sich die meisten Bewohner auf dem „biologischen Hoch“ und sind somit leistungsfähiger
Küchenpersonal über das Vorhaben informieren
damit diese die benötigten Zutaten termingerecht besorgen können, falls man nicht selbst (evtl. mit Bewohnern) einkaufen geht und dementsprechend weniger Kuchen für den Tag besorgt wird
Arbeitsplatz vorbereiten:
Alle benötigten Utensilien, Schürzen, Zutaten und kopierte Rezepte (in Großschrift!) bereitlegen
Möglichkeit zum Händewaschen bieten
evtl. Waschschüssel (für Rollstuhlfahrer), Waschlappen sowie Handtücher bereitlegen
Bewohner informieren
hierbei Kontraindikationen beachten, so ist z.B. Vibration (Handmixer!) kontraindiziert bei Gelenkserkrankungen!
Bewohner holen
Toilettengang vorher, Hände waschen, auf das Tragen benötigter Hilfsmittel achten, auf Terminüberschneidungen achten, Tagesverfassung beachten oder erfragen
Zubereitung des Teiges
dabei den Bewohner so viel es geht selbst machen lassen:
- Situative Orientierung:
Was machen wir jetzt?
- Brainstorming zur Reaktivierung von Langzeitgedächtnisinhalten:
Was benötigt man alles zum Kuchenbacken? Fällt Ihnen ein passendes
Lied dazu ein? (Backe backe Kuchen)
- Betrachten der mitgebrachten Zutaten und Utensilien zum Erhalt der
Wortfindung und der Formulierungsfähigkeit durch biografisches Arbeiten:
Was ist das? Wozu benötigt man es? Haben Sie früher auch so einen
Mixer gehabt?
- Wahrnehmungsübungen zum Erhalt der Wahrnehmungsfähigkeit:
Was ist in dieser Tüte? Wie fühlt es sich an? Wonach riecht diese
Backzutat? usw.
- Erhalt der Handlungsplanung:
Womit muss angefangen werden? Wie geht es weiter?
- Zutaten abwiegen und verrühren, evtl. mit Schneebesen zum Erhalt der
Motorik
Usw.
Zum Schluss:
- Gemeinsames Aufräumen und saubermachen (bei mir waschen die
Teilnehmer mit ab)
- Stundenverlauf noch mal kurz zusammenfassen
- Positives Feedback an die Teilnehmer
- Situative Orientierung: Wie geht es jetzt weiter? (mit dem Kuchen, den
Teilnehmer, im Tagesablauf)
- Verabschiedung, evtl. mit einem Abschlusslied
Schön ist es, wenn mit den Bewohnern dann gemeinsam der Kuchen verzehrt wird.
Viel Spaß beim Backen...ist wirklich ´ne tolle Sache!
Liebe Grüße
Cassio